Römisch-katholische Personalpfarrei Hl. Maximilian Kolbe

Geistliche Impulse

Quo vadis?

Wohin gehst du?

Datum
25. Oktober 2026
Autor
P. Martin Ramm FSSP
Lesedauer
7 Min.
Christus mit dem Kreuz begegnet dem Apostel Petrus auf der Via Appia – Gemälde von Annibale Carracci
Annibale Carracci, „Domine, quo vadis?“, 1601/02. National Gallery, London.

„Quo vadis, Domine? – Wohin gehst Du, Herr?“

Im Juli des Jahres 64 brannte Rom. Die Schuld daran wurde den Christen zugeschoben, und eine mehrjährige Verfolgung brach aus. Einer alten Überlieferung zufolge verließ Petrus damals die Stadt. Vielleicht dachte er an das Wort Jesu: „Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere.“ (Mt 10, 23) Jedenfalls ist es vernünftig, unnötige Gefahren zu meiden.

Doch auf dem Weg begegnete Petrus dem Herrn. Er erkannte ihn und fragte: „Quo vadis, Domine? – Wohin gehst Du, Herr?“ Jesus antwortete: „Ich gehe nach Rom, um mich noch einmal kreuzigen zu lassen.“

Petrus verstand: Diese Begegnung war ein Ruf – der Ruf, sich ganz hinzugeben. Seine Stunde nahte. Die Begegnung mit Jesus veranlasste Petrus, auch sich selbst zu fragen: „Quo vadis, Petre? – Wohin gehst du, Petrus? Was wirst du nun tun?“ – Petrus entschied sich richtig. Obwohl der Pfad steil und steinig war, kehrte Petrus um, und ein glorreiches Martyrium krönte seinen Lebensweg.

Dieselbe Frage stellt sich jedem Menschen: „Quo vadis? – Wohin gehst du?“ Vielleicht bist du noch jung und hast viele Optionen. Du kannst noch so viel richtig machen. Deshalb mein Rat: Suche die Begegnung mit Jesus, und in der Begegnung mit dem Herrn stelle dir die Frage: „Quo vadis?“

Kennst du dein Ziel?

Kennst du den Weg, der dich zum Ziel führt? Was machst du aus deinem Leben?

Diese Frage stellt sich bei großen Entscheidungen. Sie stellt sich aber auch bei vielen kleinen Dingen, die dem alltäglichen Leben eine Richtung geben.

Die Natur des Menschen ist von der Art, dass der Mensch ohne Sinn nicht leben kann. Wenn du nicht weißt, wofür du lebst, und deine Bestimmung dir im Dunkeln liegt, verlierst du Orientierung und Halt. Was soll dich dann noch motivieren? Der Sinn weicht dem Unsinn, und am Ende droht der Wahnsinn. Schon die alten Philosophen wussten: „Omne agens agit propter finem. – Alles Handeln ist auf ein Ziel hin ausgerichtet.“

Also: Wozu lebst du? Was bewegt dich? Was ist dein Ziel?

Die kostbare Zeit der Jugend

Besonders dringlich stellt sich diese Frage in der Jugend. Die Zeit der Jugend ist kostbar – aber sie vergeht. Der heilige Apostel Paulus schreibt: „Seht zu, dass ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Toren, sondern wie Weise. Redimite tempus! – Löst aus die Zeit, denn die Tage sind böse. Seid nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille Gottes ist!“ (Eph 5, 15 ff.)

Höre ein Gleichnis: Einst ging jemand in der Dämmerung seinen Weg. Da stieß sein Fuß an einen Beutel voller Steinchen. Er hob ihn auf und ging weiter, an einem Fluss entlang. Nun begann er, ein Steinchen nach dem anderen ins Wasser zu werfen: Plitsch, platsch. Und wieder: Plitsch, platsch. Plitsch, platsch. Als er schließlich nach Hause kam, war nur noch ein einziges Steinchen übrig. Im Licht erkannte er: Das Steinchen war in Wirklichkeit ein Diamant!

Spürst du die Tragik dieses Bildes? Vergleiche die Stunden deines Lebens mit den Diamanten im Gleichnis. Ist dir bewusst, wie kostbar jeder Augenblick ist? Die Zeit ist kein wertloser Plunder. Nicht ‚totschlagen‘ solltest du sie, und du solltest sie auch nicht im Cyberspace verbraten oder an der PlayStation vergamen. Wirf sie nicht weg, sondern nutze die Zeit!

Die griechische Mythologie kennt einen flinken Jüngling namens Kairos (καιρός). Auf Zehenspitzen und mit Flügeln eilt er dahin. Über der Stirn trägt er eine Haarlocke, sein Hinterkopf aber ist kahl. Willst du ihn fassen, musst du ihn beim Schopf packen, und das geht nur von vorne. Ist er einmal vorbei, gibt es am kahlen Hinterkopf nichts mehr zu fassen.

Ganz ähnlich ist es auch mit der Jugend. Es wäre schade, wenn du das zu spät bemerktest.

Dein Leben findet seine Erfüllung nicht darin, dass du für dich selbst lebst. Sinnvoll wird es, wenn du es hingibst. In der Hingabe findet der Mensch Erfüllung.

Deshalb sage ich noch einmal: Suche die Begegnung mit Jesus, und in dieser Begegnung stelle dir die Frage und stelle dich der Frage: „Quo vadis? – Wohin gehst du? – Hast du den Ort deiner Hingabe schon gefunden?“

Ein Gedanke Gottes

Doch verstehst du, warum du dein „Quo vadis?“ letztlich nur in der Begegnung mit dem Herrn beantworten kannst?

Gott ist es, der dich erschaffen hat. Du bist, weil er dich will. Er will dich, weil er dich liebt. Und als er dich schuf, hatte er einen Plan. Meinst du wirklich, du könntest im Leben glücklich werden, vorbei an dem, was Gott für dich gedacht hat?

Stell dir einen Künstler vor, der aus einem Steinblock eine Statue schafft. Schon bevor er ans Werk geht, hat er eine Idee. Das Bild dessen, was werden soll, steht bereits vor seinem inneren Auge. Und während er arbeitet, vergleicht er das Werdende immer wieder mit dem, was es werden soll. So kommt das Werk mit jedem Meißelschlag seiner Vollendung näher.

Auch dich hat Gott zuerst erdacht und dann gemacht. Seit Ewigkeit bist du ein Gedanke Gottes. Im göttlichen Schöpfergeist ist eine Uridee von jedem Menschen. Deshalb spricht Gott zum Propheten: „Bevor ich dich im Mutterleib gebildet, habe ich dich erwählt.“ (Jer 1, 5; vgl. Is 44, 24)

Gott vermag, was kein Künstler fertigbringt: Gemäß der Unbegrenztheit seiner schöpferischen Fülle kann er unzählige Male etwas Einmaliges schaffen, ohne sich je zu wiederholen. Wie jeder Mensch ein eigenes Gesicht hat und keines dem anderen völlig gleicht, so sind die Menschenseelen im Kern ihrer Persönlichkeit noch viel einmaliger.

Zum Propheten Isaias spricht der Herr: „Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker der Ferne! Der Herr berief mich vom Mutterleib her, nannte meinen Namen vom Mutterschoß an.“ (Is 49, 1)

Dieser Name aber, mit dem Gott ruft, ist nicht der Name, den uns unsere Eltern gaben. Vielmehr ist es das Schöpferwort, das jeden Menschen ins Dasein ruft und ihm sein Wesen gibt. Genau dieser Name bleibt zeitlebens Gottes beständiger Anruf an dich.

Der weiße Stein

Kennst du das geheimnisvolle Wort vom weißen Stein? Höre, was der Apostel Johannes in seiner Offenbarung schreibt: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich … einen weißen Stein geben, und auf den Stein geschrieben einen neuen Namen, den niemand kennt, als der ihn empfängt.“ (Offb 2, 17) Dieser neue Name ist in Wahrheit dein eigentlicher Name. Erst wenn du ihn siehst, wirst du wissen, wer du wirklich bist.

Die eigentliche und höchste Aufgabe, die sich uns Menschen im Leben stellt, ist diese: Strebe mit aller Kraft danach, so zu werden, wie Gott dich gedacht hat. Nach einem Wort des hl. Ignatius von Loyola bitte darum, nicht taub zu sein für Gottes Ruf, sondern rasch und voll Bereitschaft, zu erfüllen seinen heiligen Willen. Wir sollen, so Ignatius, „forschend erspüren und bittend erfragen, wie seine Göttliche Majestät sich unser zu bedienen wünscht“.

Im Brief an die Korinther schreibt der heilige Apostel Paulus: „Jetzt sehen wir wie in einen Spiegel, im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich erkannt bin.“ (1 Kor 13, 12)

Ahnst du, was das heißt? Du wirst erkennen, wie du erkannt bist! Ein großer Augenblick wird es sein, wenn jener weiße Stein dir dein wahres Selbst offenbart.

Darum sage ich noch einmal: Suche die Begegnung mit Jesus und frage dich – wie Petrus – aus dieser Begegnung heraus: „Quo vadis? – Wohin gehst du?“

Du bist nicht allein

Niemand wünscht so sehr dein Glück und die Erfüllung, nach der du dich sehnst, wie der, der dich in Liebe geschaffen hat. Deshalb hat er dir einen Engel zur Seite gestellt, der dich ein Leben lang begleitet. Es ist wie im Alten Testament im Buch Tobias. Als der junge Tobias sich auf eine schwierige Reise machte, sagte sein Vater zu ihm: „Suche dir einen zuverlässigen Begleiter!“ (Tob 5, 3) Gott sandte ihm den Raphael – zunächst unerkannt, als Kamerad an seiner Seite.

Raphael bewahrte Tobias vor Gefahren. Als ein Fisch ihn zu verschlingen drohte (Tob 6), zeigte Raphael ihm, wie dieser zu packen sei. Bei der Flosse nahm er ihn und zog ihn ans Ufer. Nicht nur kam Tobias gut ans Ziel und sein Werk gelang. Er fand viel mehr, als er gesucht hatte: nämlich eine gute Frau, die ihn liebte. Auch wurde durch Raphael ein Dämon besiegt und die Blindheit des alten Vaters geheilt.

Sei gewiss: Du bist auf deinem Weg nicht allein. Gott sendet uns die heiligen Engel als Begleiter. Durch sein Wort erleuchtet er uns und stellt uns hilfreiche Menschen zur Seite.

Wenn du also vor einer Entscheidung stehst und noch unsicher bist oder nicht weißt, was dein nächster Schritt sein soll, halte dich an deinen Engel, suche die Nähe zu Jesus und frage dich: „Quo vadis? – Wohin führt mich dieser Weg?“

Und dann mach es wie Petrus: Wähle, was dich deinem ewigen Ziel näherbringt!